Ratschläge sind auch Schläge

„Ratschläge sind auch Schläge“
Telefonseelsorgerin Gabriela Lux spricht über die Sorgen der Menschen zu Weihnachten


In der Weihnachtszeit laufen die Drähte bei der Telefonseelsorge heiß. Mit dieser weit verbreiteten Vorstellung hat der Pforzheimer Kurier bei Gabriela Lux, Mitarbeiterin der Telefonseelsorge Nordschwarzwald in Pforzheim, angerufen. Am Abend des ersten Weihnachtstag hatte sie Dienst und kann Erstaunliches berichten. Über die menschlichen Sorgen zum Fest, über den Reiz ihrer Arbeit, und warum die Drähte nicht geglüht haben, hat Lux mit unserer Redakteurin Christina Zäpfel gesprochen.
- Frau Lux, ich nehme an, Sie und Ihre Kollegen schieben zurzeit Sonderschichten?
Lux: Nein, ich weiß, dass viele denken, an Weihnachten wäre bei uns viel mehr los als sonst. Diese Erfahrung haben wir aber noch nicht gemacht. Das zeigt auch die Statistik. Unsere Dienste unterscheiden sich im Wesentlichen nicht von denen unter dem Jahr. Ich selbst hatte zwar einen sehr lebhaften Dienst. Aber wenn ich drüber nachdenke, spielte das Thema Weihnachten nur eine untergeordnete Rolle.
- Mit welchen Problemen und Sorgen rufen denn die Leute bei Ihnen an?
Lux: Im Grunde sind es in den meisten Fällen vor allem Beziehungsprobleme. Gut, manches Problem erscheint an Weihnachten tatsächlich in einem anderen Licht. Es geht um alle menschlichen Beziehungen: Partnerschaft, Freundschaft, Kollegen, Eltern und Kinder - das ist das große Thema, warum Menschen bei uns anrufen. Natürlich rufen auch Menschen an, die einsam sind. An Weihnachten haben sie die Vorstellung: Jetzt sitzen alle anderen in ihren Familien zusammen, nur ich bin allein. Was natürlich auch ein Trugschluss ist. Verstärkt rufen mittlerweile Menschen mit psychischen Erkrankungen an.
- Wie lief Ihr Weihnachtsdienst, mit welchen Sorgen wurden Sie konfrontiert?
Lux: Also Weihnachten spielte wirklich nur am Rande eine Rolle. Vielleicht war ein Problem schon die ganze Zeit da, über die Feiertage wurde es nur drückender. Etwa weil es Zoff gibt in der Familie. Ich glaube, dass es manchen Menschen an Weihnachten sogar besser geht. Es ist die Zeit der Hoffnung, der Wünsche und Sehnsüchte. Beispielsweise haben Menschen angerufen, die in ihren Beziehungen enttäuscht sind. Sie haben Angst, sich auf etwas Neues einzulassen, Angst vor einer neuen Enttäuschung.
- Wer ruft beim Sorgentelefon an, sind es eher Männer oder Frauen?
Lux: Diesmal riefen mehr Männer an, grundsätzlich stellen wir aber fest, dass mehr Frauen anrufen. Ich denke, Frauen sind eher bereit, über ihre Probleme zu sprechen. Immer wieder haben wir auch Scherzanrufe von Jugendlichen. Ansonsten erstreckt es sich über alle Alters- und soziale Schichten.
- Sie müssen sich am Feiertag mehrere Stunden lang die Probleme fremder Menschen anhören. Wie gehen Sie selbst damit um, belastet Sie das nicht?
Lux: Wir lernen in unserer Ausbildung, uns davon abzugrenzen, wir nehmen Anteil an den Sorgen, aber wir leiden nicht mit. Es ist eine Art Spiel von Distanz und Nähe, das funktioniert in den meisten Fällen. Es kommt aber natürlich auch vor, dass man persönlich etwas mitnimmt. Das sind dann die ganz wertvollen Erfahrungen, vielleicht Dinge, die man selbst erlebt hat.
- Telefonseelsorger sollten unbelastet nach Hause gehen, heißt eine Ihrer Regeln. Dabei bekommen sie doch in Ihrem Dienst gewissermaßen das gesamte Leid dieser Welt aufgehalst?
Lux: Wir haben im Team zum Beispiel das Instrument der Supervision. Wir tauschen uns gerade bei schwierigen Fällen untereinander aus, das hilft enorm. Natürlich werden wir mit sehr tragischen Geschichten konfrontiert, da gilt es erstmal nur die Situation auszuhalten, zuzuhören – auch das kann für einen Betroffenen schon sehr wertvoll sein.
- Welche konkreten Ratschläge können Sie Ihrem Gegenüber mitgeben?
Lux: Wir sagen immer: Ratschläge sind auch Schläge. Deshalb halten wir uns sehr zurück. Die Lösung eines Problems steckt oft nur in einem selbst, da helfen keine guten Ratschläge.
- Was macht den Reiz an Ihrer Arbeit aus, macht diese Arbeit auch Spaß?
Lux: Die, die den Spaßfaktor suchen, sind bei uns falsch. Aber wer mehr als nur Spaß sucht, der ist richtig. Als ich anfing, habe ich gemerkt: Ich habe Interesse an den Menschen. Es gibt noch mehr in dieser Welt als meine kleine Suppenschüssel, und über diesen Rand wollte ich schauen. In der Telefonseelsorge kann man viel über das Leben erfahren, aber noch mehr über sich selbst. Diese Hürde muss man erstmal nehmen. Dann bekommt man so viel zurück. Das Schöne ist, man kann Menschen ein Stück begleiten, man kann mit ihnen etwas aushalten, ihnen ein Licht am Horizont zeigen. Das ist für mich ein echtes Geschenk.

Service
Die Telefonseelsorge Nordschwarzwald betreut mit einem Team aus rund 60 Ehrenamtlichen ein Gebiet von Alpirsbach über Heilbronn bis fast nach Karlsruhe. Sie ist kostenfrei rund um die Uhr zu erreichen unter der Telefonnummer (0800) 1 11 01 11.

 

GABRIELA LUX,
Telefonseelsorgerin aus Pforzheim. Foto: Faulhaber